Gedanken zu Trauma und Kultur

Zu Beginn war ich – wie in meinem ersten Beitrag dieser Peru-Reise beschrieben – etwas enttäuscht über die Einheimischen Perus. Mittlerweile weiß ich einerseits, dass diese Enttäuschung vor allem Cusco betraf (und selbst hier ist es nur eine gewisse Generation), andererseits sehe ich nun die Muster und das Trauma dahinter.

Lass mich zur Erklärung etwas ausholen, denn dieses Thema beschäftigt mich seit 2 Erfahrungen hier eingehend und es liegt mir unglaublich am Herzen.


Als ich selbst mit dem Thema Trauma durch Nervensystem-Arbeit und im Zuge meiner Embodiment-Ausbildung in Berührung gekommen bin, hat sich für mich eine Welt aufgetan und es hat so vieles in meinem Leben erklärt. Dazu sei gesagt, dass ich selbst niemals sagen würde, dass ich ein Mensch bin, der in seinem Leben Trauma erlebt hat, zumindest nicht so, wie es der Großteil der Menschheit versteht.

Denn es gibt unterschiedliche Arten von Trauma: es gibt das big-T Trauma, also das „klassische“ Trauma wie nach einer Naturkatastrophe, einem Unfall, einer Vergewaltigung etc. Es gibt allerdings auch das small-t Trauma, also alltägliche Traumata, die jeder einzelne Mensch erlebt (wenn zB. immer wieder Grenzen überschritten werden, wenn Perfektionismus erwartet wird, wenn ein geliebtes Tier stirbt, wenn man viel Unsicherheit und Ungewissheit erfährt etc.). Und es gibt alle Traumata auf der Skala zwischen diesen beiden Klassifizierungen.

Beim Trauma geht es niemals um das Ereignis selbst, sondern um das, was im Körper zurück bleibt. Während eines Traumas wird Stress – das sympathische Nervensystem in uns aktiv, das entscheidet, ob wir aus der Situation fliehen, ob wir kämpfen, ob wir erstarren oder ob wir uns übermäßig anpassen (Fight, Flight, Freeze, Fawn). Um eine dieser Responses ausüben zu können, erzeugt der Körper Energie.

Doch was passiert, wenn wir diese Energie nicht nutzen, verbrauchen?

In unserer heutigen Zeit ist es üblich, dass wir nach einer sympathischen Aktivierung .. nichts .. tun. Wir zeigen nach einem Übergriff keine Emotionen, wir zittern oder schreien nach einem Unfall nicht, wir sprechen nach einer Katastrophe nicht darüber. Wir halten aus, denn wir sind stark. Nicht immer natürlich, aber zu oft.

Und so bleibt dem Körper nichts anderes übrig als diese freigesetzte Energie, die eigentlich FÜR uns arbeitet, im Körper abzusetzen – The Body Keeps the Score (wie eines der einschlägigen Bücher zum Thema Trauma von Bessel van der Kolk heißt).

Über die Zeit hin sammelt sich immer mehr abgesetzte Energie in unserem Körper an – egal ob von small-t oder big-T Traumata. Fakt ist, dass uns diese Energie beeinflusst – und zwar auf allen Ebenen. Körperlich kann sie sich durch chronische Verspannungen oder Krankheiten zeigen, die oft niemand erklären kann. Geistig beeinflusst sie uns durch Glaubenssätze. Emotional hemmt sie uns. Im Großen und Ganzen ist Trauma wie eine Brille, durch die wir das Leben erfahren – verfälscht. Es ist nicht das, wie wir wirklich sind.


Und genau dieses Phänomen sehe ich in vielen Menschen hier (bei Weitem nicht allen!):

Perspektivenlosigkeit.
Gewalt.
Rooted in trauma.

Ich will Dir zwei Beispiele nennen, die mich zu dieser Erkenntnis und sehr ins Fühlen und Nachdenken gebracht haben.


Der 22-Jährige ohne Träume

Zwei Tage nach dem Salkantay Trek bestellte ich mir (das erste Mal in meinem Leben) ein Uber, das mich von Cusco nach Pisac bringen sollte. Es klappte reibungslos, mein Fahrer A. war richtig lieb und 22 Jahre jung. Gleich von Anfang an begannen wir über unsere verschiedenen Leben zu plaudern und ich hörte angeregt und interessiert zu, was er zu erzählen hatte.

Es war keine Überraschung, dass er in Armut mit 5 Geschwistern aufwuchs und kaum Geld hat, dass das Leben Vorort mit dem in Europa und Nordamerika nicht annähernd vergleichbar ist, doch was mich wirklich traurig und nachdenklich stimmte, war seine Antwort auf meine Frage, wofür er denn das Geld vom Uber-Fahren sammle, was seine Träume seien, was er machen wollte, wenn er älter wäre. Er antwortete: „Aquí en Perú no se sueña, aquí no se debe soñar.“ („Hier in Peru träumt man nicht, hier darf man keine Träume haben.“) Mich erschütterte vor allem die Endgültigkeit dieser Aussage. Die Perspektivenlosigkeit.


Ich muss gestehen, dass Perspektivenlosigkeit etwas ist, das ich selbst nicht verstehe, denn ich kenne es nicht und oft frustriert es mich sogar, wenn Menschen nicht wissen, was zu tun ist bzw. nicht wissen, DASS sie immer etwas tun KÖNNEN. Für mich steckt dahinter die Eigenmacht, die Eigenwirksamkeit und Selbstverantwortung, das Leben in die Hand zu nehmen.

Doch nach langer Deliberation erkenne ich, dass viele Menschen dort wortwörtlich nicht träumen KÖNNEN, denn sie sehen und erleben ihr Leben durch die Brille von ihren Erfahrungen, die oft von Trauma belastet ist. In diesem Fall war es nach Erzählungen A’s. unter anderem Gewalt innerhalb der Familie. Zusätzlich liegt in Peru und in so vielen andere Ländern Generationen-Trauma vor; durch Kriege, durch Gewalt, durch Katastrophen.

An dieser Stelle ist es mir wichtig zu betonen, dass es sich hier um UNVERARBEITETES Trauma handelt – denn ja! Trauma kann verarbeitet und gelöst werden. Das ist auch der Grund, weshalb ich selbst mich so sehr Embodiment, der Arbeit mit dem Körper und dem intuitiven Bewegen verschrieben haben: um all das loszulassen, was nicht Deines ist, um wieder zu Dir selbst zurück zu finden, zu Deiner eigenen Realität – OHNE die Brille des Traumas, egal ob klein oder groß.

Nun aber zurück zu meiner zweiten, leider sehr traurigen Geschichte:


Eine Familie in Dunkelheit

Immer noch im Heiligen Tal unterwegs mietete ich mir für 3 Nächte ein sehr luxuriöses Tiny House umgeben von Bergen und einem Fluss. Ich brauchte etwas Zeit für mich, um all das Erlebte in der Yoga-Ausbildung und am Salkantay-Trek zu integrieren. Ich hatte eine wundervolle Zeit dort, genoss die Natur und die Auszeit. Am zweiten Abend machte ich mich noch recht spät (naja, gegen 19h, aber bei Dunkelheit) auf, um noch ein paar Kleinigkeiten im nächsten Laden einzukaufen, der in etwa 10 Gehminuten entfernt war. Mittlerweile fühlte ich mich in Peru auch bei Dunkelheit sehr sicher.

Auf dem Nachhauseweg änderte sich dies leider sehr schnell. Ich lief geradewegs in eine 5-köpfige Familie mitten auf der Straße hinein ohne mir groß etwas dabei zu denken. Erst als ich mitten unter ihnen war, fiel mir auf, dass die Familie in höchster Aufregung war und erst da wurde mir bewusst, dass das junge Mädchen gerade vor dem Vater floh und „No, Papá, no!“, rief. Aus dem Augenwinkel nur sah ich, dass der Vater ein Kleidungsstück in der Hand hielt, mit dem er das Mädchen verfolgte und nach ihm schlug. Im nächsten Moment sah ich die Mutter, die den jungen Sohn mit unnötig starkem Griff bei den Schultern packte und ihn Richtung Hauseingang schleifte. Und da setzte auch schon mein eigenen sympathisches Nervensystem ein, nämlich mit Flight: komplett überfordert und geschockt lief ich einfach weiter (ich weiß bis heute nicht, ob ich anders reagiert haben sollte), doch in dem Moment konnte ich nicht anders, weil mein Instinkt die Führung übernahm.

Am restlichen Nachhauseweg war ich relativ ruhig, aber zielstrebig nach Hause zu kommen. Erst als ich die Tür des Tiny Houses hinter mir verschlossen hatte, begann ich bitterlich zu weinen. Mein ganzer Körper begann zu zittern und ich ließ alles zu (denn wie ich weiß, setzt sich diese Energie, wenn sie nicht verarbeitet wird, im Körper ab). Danach schrieb ich alles Erlebte nieder und wusste erstmal Tage nicht, was ich mit dieser Erfahrung anfangen sollte.


Doch sie beschäftigte mich. Und auch hier kam ich nach einiger Zeit wieder zu dem gleichen Schluss wie aus der ersten Erzählung: es liegt so viel unverarbeitetes Trauma in Familien, in Ländern, in Menschen, dass sie gar nicht anders handeln KÖNNEN. Das ist absolut keine Entschuldigung für gewaltvolles Handeln, doch das Verständnis darüber gibt Hoffnung auf Heilung, Veränderung und Perspektiven.

Seitdem denke ich viel darüber nach, WIE privilegiert ich und wir in der westlichen Welt sind UND was wir tun können.

Auf diese Frage habe ich selbst noch keine Antwort gefunden, weiß auch nicht ob es eine gibt oder braucht – denn meine Intention hier ist es nicht, Peru oder ein sonstiges Land zu retten! Alles, was ich möchte, ist Bewusstsein bringen und eine Antwort FÜR MICH zu finden.
Ich weiß, dass die Erlebnisse, die ich hatte keineswegs „das Schlimmste“ sind, das tagtäglich passiert, doch es war „genug“ für mich, um Dinge ins Rollen zu bringen UND gleichzeitig weiß ich, dass es hier unendlich viele Menschen gibt, die überglücklich sind! 🙂

Wie Du siehst, liegt mir das Thema ERNSTHAFT am Herzen und das erste und beste jetzt gerade, das ich tun kann, ist eben Bewusstsein und Verständnis darüber zu verbreiten – auch in unserer Welt. Denn die small-t-Traumata werden hier oftmals unterschätzt: immer wiederkehrende Themen von der Arbeit zB. werden als „first world problems“ abgetan, obwohl sie traumatischen Ursprungs sein mögen und können somit nur schwer gelöst werden, wenn man sie nicht als das identifiziert, was sie sind.


Um hier nicht in absoluter Tristesse und Hoffnungslosigkeit abzuschließen, möchte ich nochmal wiederholen: jede und jeder hat die Macht eigenes Trauma aufzulösen oder andere dabei zu unterstützen (in welcher Form auch immer), denn Trauma ist absolut heilbar und wenn man die sympathische Energie jedes Mal von Anfang an durchlässt, staut sie sich gar nicht erst an! 🙂 – deshalb: Embodiment!

Falls Dich das Thema interessiert, stay tuned! – das Blog-Schreiben liegt mir sehr und ich will weiterhin über Körper-Themen schreiben bzw. vielleicht hast Du sogar Interesse hast, körperlich in das Thema Embodiment einzutauchen, schau hier vorbei.

Von den Tiefen meines Herzens,
Marie-Therese

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